Teil 2 - Fortsetzung von der Seite www.kopfschmerzen.li
1.2
Spannungskopfschmerzen
(oft auch als
Kopfschmerzen vom
Spannungstyp bezeichnet):
Ein
Spannungskopfschmerz
ist von allen genannten Begriffen am wenigsten klar definiert. Der Begriff wird
deshalb oftmals als Verlegenheitsdiagnose verwendet.
Die Symptomatologie
(= die verschiedenen Krankheitszeichen) wird in der Literatur nicht einheitlich angegeben. Nach Meyer
(1989) ist die Lokalisation wechselnd, oft fronto/okzipital
(= im Sti
rn/Hinterhaupt-Bereich
auftretend),
Soyka (1989) dagegen gibt als Schwerpunkt die Nack
en- und Hinterkopfregion an. Meist wird der Schmerzcharakter mit dumpf,
bohrend und spannend bezeichnet. In der Regel liegen die Beschwerden beiderseits
vor. Nach unseren Erfahrungen geben die betroffenen Patienten häufig an, der
Schmerz steige von der Hinterkopfregion auf und breite sich dann diffus bis zu
beiden Augenhöhlen aus.
In der Regel beginnt der
Spannungskopfschmerz schleichend morgens und steigern sich dann im
Verlauf des Tages, meist den ganzen Tag anhaltend. Teilweise werden aber auch im
Tagesverlauf unterschiedlich lange anfallsartige Schmerzverstärkungen angegeben,
manchmal mit (milden) vegetativen Symptomen (z.B. Übelkeit) einhergehend, so daß
auch das Vorliegen von
Mig
räne-Kopfschmerzen
in Frage kommt.
Bei der Untersuchung ist die Hinterkopfregion beiderseits oft druckschmerzhaft.
Teilweise ist die Kalotte
(= der knöcherne Schädel)
klopfschmerzhaft. Sehr häufig finden sich im Halswirbelsäulenbereich
Muskelverspannungen, diese können auch bis zur Schultermuskulatur reichen.
Fast alle Patienten mit
Spannungskopfschmerzen
geben an, daß Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit nachgelassen hätten.
Eine Unterteilung in "episodenhafter" (= von Zeit zu Zeit auftretenden)
und "chronischer
Spannungskopfschmerz" erscheint nicht
sinnvoll, weil damit lediglich Verlaufsvarianten beschrieben werden, die sich
selbst bei gleichen Patienten häufig abwechseln können.
Eine Verspannung der perikranialen (= den Schädel umgebenden)
Mus
kulatur, wie es dieser Kopfschmerzbegriff
vermuten läßt, ist nicht zwingend. Psychische Überlagerung, vor allem in Form
von depressiver Verstimmung und/oder psychovegetativer Labilität ist häufig. In
der Regel dominiert die pflichtbewußte und leistungsorientierte Persönlichkeit.
Zur Differentialdiagnostik von
Kopfschmerzen
(= zum Herausfinden um welche
Kopfschmerzform es sich handelt)
eignen sich
Nervenblockaden (= Nervenbetäubungen). Während einer regelrechten Blockade der Ner
ven supraorbitales, occipitales majores
und minores sowie auriculotemporales (infiltrativ im Schläfenbereich) bleiben
i.d.R. Kopfschmerzen vom Spannun
gstyp weg, nicht aber
vasomotorische Kopfschmerzen
(= von Blutgefäßen ausgehende)
oder
posttraumatische Kopfschmerzen
(= nach Verletzungen auftretende Kopfschmerzen),
sofern diese auf meningeale
(= hirnhautbedingte) Störungen
zurückzuführen sind.
1.3 Trigeminoautonome Kopfschmerzen
1.3a Beim seltenen, clusterähnlichen SUNCT-Syndrom kommt es zu 15 bis 120 Sekunden lang anhaltenden, einseitigen Schmerzattacken um das Auge herum, begleitet von konjunktivaler Injektion (= Sichtbarwerden feiner Blutgefäße im Auge als Folge von Blutfülle), Lakrimation (= Tränenfluß) und Nasenträufeln. Begleitet werden die Kopfschmerzattacken von einem gleichseitigen Gesichtschwitzen, das aber meist nur gering ausgeprägt ist.
1.3b
Paroxysmale Hemikranie (CPH):
Diese Kopfschmerzen wurden erstmals 1974
beschrieben.Charakteristische Merkmale sind streng einseitig auftretende
Kopfschmerzanfälle
hauptsächlich im orbitalen
(= die Augenhöhle betreffend),
supraorbitalen (= die
Sti
rn betreffend) und/oder
temporalen (= die
Schlä
fe betreffend) Bereich und
einer Dauer von 2 bis 45 Minuten. Die
Schmerzanfälle
treten mindestens 5 mal pro Tag auf. Als Mittel der Wahl gilt auch hier
Indometacin, alternativ soll das Piroxicamderivat Beta-Cyclodextrin hilfreich sein.
1.3c
Cluster-Kopfschmerzen:
Synonyme (=
weitere Bezeichnungen) für diese
eigenständige, von der Mig
räne und der
Trigeminus-Neuralg ie abzugrenzende
Kopfschmerzart sind:
Erythroprosopalgie,
Bing-Horton-Kopfschmerzen,
ziliare Neuralgie
und N.
petrosus-Neuralgie.
Die Krankheitsursache ist unbekannt.
Hauptsymptom (=
vorherrschendes Krankheitszeichen)
der
Clusterkopfschmerzen
ist der streng einseitig, in aller Regel periorbital
(= um das Auge herum)
oder frontotemporal
(= Sti
rn-/Schläfenbereich betreffend)
in Attacken und vorwiegend nachts auftretende Schmerz von unerträglicher
Intensität und einer durchschnittlichen Dauer bis zu wenigen Stunden.
Überwiegend wird der Schmerzcharakter mit bohrend oder brennend angegeben.
Typischerweise, jedoch nicht zwingend, kommt es zu Tränenfluß und Rötung des
schmerzseitigen Auges, evtl. begleitet von Engstellung der Pupille und Verengung
der Lidspalte (partielles Horner-Syndrom) sowie Nasenträufeln als
Begleiterscheinungen.
Manchmal treten beim Cluster-Kop
fschmerz auch Übelkeit und Brechreiz auf, was zu Verwechslungen mit der M
igräne führen kann.
Im Gegensatz zu Migränepatienten sind Patienten mit einem
Bing-Horton-Kop
fschmerz (Cluster-Headache)
eher unruhig und laufen während der
Kopfschmerzattacke
umher; ihr Ruhebedürfnis ist weniger ausgeprägt als bei Migränikern.
Der einschießende Schmerzcharakter und die extreme Schmerzintensität können zur
Verwechslung mit der
Trigeminusneuralgie
Anlaß geben. Schmerzauslösende Mechanismen können vorhanden sein, so z.B.
Flimmer- und Flackerlicht, Aufenthalt in großen Höhen, Histamin und
Nitroglyzerin, öfters aber auch Alkohol (Soyka 1989). Nitroglyzerin (in
Form von Nitratpflaster) verwenden wir deshalb regelmäßig als Provokationstest,
um die Stabilität eines Behandlungserfolges einschätzen zu können.
Thera
pie beim
Cluster-Schmerz:
Ein statistischer Erfolgsvergleich unterschiedlicher Therapiemaßnahmen wird
durch die Tatsache erschwert, daß
Cluster-Schmerzen
meist schubartig verlaufen, d.h. monatelange, in Ausnahmefällen sogar jahrelange
schmerzfreie Intervalle kennzeichnen diese Kopfschmerzform. Wie bei den anderen
primären (= nicht auf
eine andere Krankheit zurückzuführende)
Kopfschmerzen ist es auch beim
Clusterschmerz
oftmals erforderlich, die verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten nacheinander
auszutesten, um die optimale herauszufinden.
Thera
pie beim akuten
Clusterkopfschmerz:
Wegen der häufig kurzzeitigen
Attackendauer kommen meist nur solche Methoden zur Anwendung, die innerhalb
weniger Minuten wirken können. Orale
(= Tabletten, Tropfen) und rektale
(= Zäpfchen) Verabreichung von z.B.
Ergota min ist daher nur bei längerer
Anfallsdauer sinnvoll. Die Einatmung von reinem Sauerstoff über Maske ist eine
bewährte Methode zur Kupierung des Anfalls. Die Verabreichung über eine
Nasensonde ist meist nicht ausreichend. Diese Methode hat den Vorteil, daß
entsprechende Geräte zum häuslichen Gebrauch auf Kosten der Krankenkassen
verordnet werden können.
Im Gegensatz zur akuten
Migräneattacke
sprechen akute
Clusterkopfschmerzen
in der Regel auf die
therapeutische Lokalanästhesie
(= Behandlun
g mit einem örtlichen
Betäubungsmittel) an. Bewährt hat
sich die Betäubung der schmerzseitigen Ner
ven supraorbitalis (ca. 1 ml),
supratrochlearis (ca. 0,5ml), jeweils am zugehörigen Austrittspunkt, und die
großzügige flächenhafte Infiltration des dominanten Schmerzareals im St
irn- /Schläfenbereich. Bei
Schmerzausstrahlungen in den Oberk
iefer muß der Infraorbitalis-Nerv
ebenfalls blockiert werden (1-2ml). Das
Lokalanästhetikum
(= örtliche Betäubungsmittel)
der ersten Wahl ist bei uns das langwirkende Bupivacain 0,5%. In hartnäckigen Fällen führen wir diese
Schmerztherapie mit
gutem Erfolg konsequent 2 bis 3 mal täglich durch, auch an Wochenenden, was
jedoch nur unter stationären Bedingungen durchführbar ist. Auch wiederholte
Betäubungen des
Ganglion stellatum
(= eine vegetative Schaltstelle
im seitlichen Halsbereich) mit einem langwirkenden örtlichen Betäubungsmittel können bei Cl
us
tekop
f
schmerzen
sehr hilfreich sein.
Empfohlen wird auch eine nasale Instillation
(= in die Nase eingebracht)
von 1 ml 4%iges Lidocain
(= ein mittellang wirkendes örtliches Betäubungsmittel)
bei 45 Grad rekliniertem und 30-40 Grad zur betroffenen Seite rotiertem Kop
f (Pfaffenrath 1988).
Wirksam ist bei diesem
Schmerz auch
Ergota min. Nachteilig ist, daß sich
bei häufigem Gebrauch ein Ergotamikop
fschmerz ausbilden kann.
Wegen des schnellen Wirkungseintrittes kann auch Dihydroergotamin i.m. (i.v.) gegeben werden (1-2mg), evtl. kombiniert mit 1g Metamizol.
Das
Migränemittel
Sumatriptan (bzw. auch andere Triptane) ist auch bei
Cluster Headache
sehr wirksam, insbesondere unter die Haut gespritzt (6 mg)(auch mit Autoinjektor
vom Patienten selbst injizierbar), ansonsten 100mg oral
(= durch den Mun
d).
Bei Wiederauftreten von Schmerzen maximal zwei Verabreichungen in 24 Std.
Häufiger wurde über ernstzunehmende Nebenwirkungen berichtet, auch in den
Medien. Bei Beachtung der Anwendungsbeschränkungen kann das Verhältnis von
Wirksamkeit und Verträglichkeit jedoch als günstig angesehen werden (Tfelt-Hansen
1993).
Wegen des relativ hohen Preises dürfte Sumatriptan (und andere Triptane) bei
Kop
fschmerz
en
allerdings erst dann zum Einsatz kommen, wenn
andere Maßnahmen nicht den gewünschten Erfolg bringen.
Prophy
laxe (= Vor
beugung)
der Clus
terkop fschmerzen:
Als Mittel der Wahl gilt der
Calcium-Antagonist Verapamil. Dosierung: bis zu 3-4x 80 mg pro
Tag, in der ersten Woche einschleichend. Der Wirkungsmechanismus von Verapamil
bei Clus
terkop
fschmerzen
ist unbekannt.
Neue Dosierung: In hartnäckigen Fällen wird Verapamil mit gutem Erfolg sehr
viel höher dosiert: bis 500 mg/Tag (und mehr), initial
(= zu Anfang)
unter ständiger Blutdruck- und Pulskontrolle.
Als Mittel der 2. Wahl kann bei Clus ter-Kop
fschmerzen Lithium empfohlen werden. Lithium
soll bereits unterhalb des empfohlenen Serumspiegels bei Clus
ter-
Kopfschmerzen wirksam sein.
In hartnäckigen Fällen und unter strenger Abschätzung des therapeutischen
Risikos im Verhältnis zu einem möglichen Nutzen, kann eine Kortikoid-Beha
ndlung versucht werden, z.B. mit
Metylprednisolon. Empfohlene Dosierung: 1-4. Tag 80mg, 5- 8 Tag 70mg, dann jeweils
nach 4 Tagen die Dosierung um weitere 10mg reduzieren.
Der Serotonin-Antagonist Methysergid
(= ein Mittel, das dem
Gewebshormon Serotonin entgegenwirkt)
kann auch zur Prop
hylaxe von Clus
ter-
Kopfschmerzen verwendet werden.
Teilweise wird empfohlen, zur Prophy
laxe von Clus
terkop fschmerzen regelmäßig täglich
Ergota
min zu verabreichen. Wegen der Gewöhnungsgefahr
und der hohen Wahrscheinlichkeit, damit die gefürchteten
Ergotamin-Kopfschmerzen zu induzieren, muß davor dringend gewarnt werden.
Zur Prop hylaxe der Clus ter- Kop fschmerzen hat sich bei uns auch die wiederholte therapeutische Lokalanästhesie (= Behan dlung mit einem örtlichen Betäubungsmittel) wie bei der Akutbehandlung sehr bewährt. Manchmal werden auch in der schmerzseitigen Hinterkopfregion Schmerzen angegeben; in diesem Fall blockieren (= betäuben) wir dann auch die Ner ven occipitales major und minor. Optimal ist diese Beha ndlung unter stationären Bedingungen, weil dann diese Schmerztherapie konsequent 2x täglich, auch an Wochenenden, über einen Zeitraum von 2-3 Wochen durchgeführt werden kann. Unter dieser Schmerztherapie fallen in der Regel die Schmerzattacken zunehmend milder aus, um im Idealfalle allmählich wegzubleiben.
Nichtmedikamentöse Maßnahmen bei
Clus
ter-
Kopfschmerzen:
Anders als z.B. bei der M
igräne spielen bei diesen
Kopfschmerzen psychische Faktoren eine eher untergeordnete Rolle, so
daß diesbezüglich nur allgemeine Maßnahmen empfohlen werden können, so z.B. ein
Schmerzbewältigungstraining. Transkutane Nervenstimulationen mittels
Niederfrequenzgenerator über Klebeelektroden (TENS) haben bei diesen
Kopfschmerzen nur selten einen positiven Effekt.
1.3d Zu erwähnen wäre noch das seltene
SUNCT-Syndrom. Dabei kommt es zu 15 bis 120 Sekunden lang anhaltenden,
einseitigen Sch
merzattacken um das Auge herum, begleitet von
konjunktivaler Injektion
(= Sichtbarwerden feiner Blutgefäße im Auge als Folge von Blutfülle),
Lakrimation (= Tränenfluß) und
Nasenträufeln. Zusätzlich besteht ein gleichseitiges Gesichtschwitzen, das aber
meist nur gering ausgeprägt ist. In der
Behand
lung sind die bisher besten
Ergebnisse mit Lamotrigin
(= Mittel gegen die Fallsucht)
erzielt worden.
1.4Andere primäre Kopfschmerzen
Unter diesem Begriff fassen wir scheinbar eigenständige Kop fschmerbilder wie ve rtebragene oder zervikogene Kopfschmerzen (= von der Halswir belsäule ausgehende Kop fschmerzen), oder auch sog. neu aufgetretene Dauerkopfschmerzen, Anstrengungskop fschmerzen, die Occipitalneuralgie (= Nervenschmerzen im Bereich des Hinterkopfes) oder Hemicrania continua (= anhaltender Halbseitenkopfschmerz) zusammen. Allen Formen gemeinsam ist die sehr variablen Krankheitszeichen, so daß eine eindeutige Diagnosezuordnung in vielen, wenn nicht in den meisten Fällen, willkürlich ist. Oftmals ist nicht einmal eine sichere Abgrenzung gegen Migräne- oder vasomotorische Kopfschmerzen (= von Blutgefäßen ausgehende Kop fschmerzen) möglich.
Zervikogener Kop
fschmerz
(vertebragener Kop
fschmerz):
Der Unterschied zu Kopfschmerzen vom
Spannun
gstyp dürfte nur darin bestehen, daß mit dem
Begriff "ve
rtebragen" (= wirbelsäulenbedingt)
lediglich auf eine mögliche Ursache bzw. einen Zusammenhang hingewiesen wird.
Die Schmerzausstrahlung verläuft vom Nack
en aufsteigend zur St
irn hin, nicht selten tritt gleichzeitig
ein
Schulter-Arm-Syndrom
auf.
Okzipitalneuralgie:
Die
pri
märe, idiopath
ische
(= als eigenständige Erkrankung auftretende)
Occipitalneuralgie ist selten. Es treten einseitig einschießende
Kopfschmerzen im Versorgungsgebiet des N. occipitalis
major auf (Hinterkop
f bis Scheitelhöhe).
Die Diagnose einer
Okzipitalisneuralgie wird durch eine probatorische
(= zur Klärung der Diagnose durchgeführte)
Nervenblockade mit z.B. 1-3 ml Mepivacain (= mittellang wirkendes örtliches
Betäubungsmittel) gesichert. Wie bei
der
Trigeminus-Neuralgie liegt häufiger eine atypische Form vor, gekennzeichnet
durch meist einseitig auftretende Kopfschmerzen und
längerfristige Schmerzepisoden bis hin zu einem
Dauerschmerz.
Hemicrania continua
(anhaltende
Halbseitenkopfschmerzen):
Diese Kopfschmerzart soll stets
einseitig und seitenkonstant als
Dauerkopfschmerz
auftreten. Differentialdiagnostisch (= um herauszufinden um welche Kopfschmerzform es sich
handelt) zu verwerten ist, daß diese
Beschwerden nur auf
Indometacin ansprechen (Sjastaad 1984).
Vermutlich handelt es sich hierbei ebenfalls um einen
Kop
fschmerz vom Spannungstyp,
allerdings halbseitig auftretend.
Raeder-Syndrom:
Diese Kopfschmerzen
sind im Versorgungsgebiet des Nervus ophthalmicus
(= oberer Gesichtsnerv)
lokalisiert. Die Symptomatik
(= Krankheitszeichen)
ist den
Clusterkopfschmerzen ähnlich.
Neck-Tongue-Syndrom
(Nacken-Zungen-Syndrom):
Diese Kopfschmerzen treten attackenartig einseitig
hinterkopfbetont auf und sind von einer unangenehmen
Hypästhesie (=
herabgesetzte Empfindlichkeit) der
gleichseitigen Zungenhälfte begleitet.
Die Ursache ist nicht eindeutig geklärt, es wird eine Subluxation
(= unvollständige Ausrenkung)
des Atlanto-Axial-Gelenkes
(= das untere Kopfgelenk zwischen dem 1. u. dem 2.Halswirbel, ermöglicht
Drehbewegungen des Kopfes) vermutet (Bogduk
1981).
Neu aufgetretener Dauerkopfschmerz:
Unter dieser Kopfschmerzform leiden
etwa 0,2 der Bevölkerung.
Die Abgrenzung vom (chronischen) Spannungskopfschmerz ist schwierig und auch
nicht unumstritten. Auch bei diesem
Ko
pfschmerz
können milde migräneartige Begleiterscheinungen auftreten, so. z. B. Photo- und
Phonophobie (= Licht-
und Geräuschempfindlichkeit) oder
auch Übelkeit, allerdings kein (regelmäßiges) Erbrechen.
Neu aufgetretene
Dauerkopfschmerzen weisen mindestens zwei der
folgenden Eigenschaften auf:
Ursächlich ist häufig eine vorausgegangene
Infektion (=
Eindringen von Mikroorganismen, z.B. Bakterien, Viren, Pilze, Parasiten in den
Mensch, wo sie haften bleiben und sich vermehren
-n. Roche-). Schon in den ersten Beschreibungen wurde auf einen Zusammenhang mit
Virusinfekten hingewiesen (Vanast et al. 1987).
Die Kopfschmerzbehandlung
erfolgt wie bei Spannungskopfschmerzen.
Primär stechende Kop
fschmerzen:
Vorübergehende und umschriebene schmerzhafte Stiche im Kopf, die spontan ohne
eine organische Erkrankung der betreffenden Strukturen oder eines Hirnnervens
auftreten (Quelle:
www.ihs-klassifikation.de).
Pr
imärer Hustenkopfschmerz:
Durch Husten hervorgerufene Kop fschmerzen in Abwesenheit
jeglicher intrakranialer (= im Kopf) Erkrankung
(Quelle:
www.ihs-klassifikation.de).
Prim
ärer Kop fschmerz bei
körperlicher Anstrengung:
Kop
fschmerz, hervorgerufen durch jede Form von
körperlicher Anstrengung. Subtypen, wie der "Gewichtheberkopfschmerz", werden
anerkannt (Quelle:
www.ihs-klassifikation.de).
Prim
ärer Kop fschmerz
bei sexueller Aktivität:
Kop
fschmerz, der durch sexuelle Aktivität
hervorgerufen wird. In der Regel beginnt der Kop fschmerz bei
zunehmender sexueller Erregung als dumpfer, bilateraler Schmerz und intensiviert
sich schlagartig während des Orgasmus. Intrakraniale Erkrankungen bestehen nicht
(Quelle:
www.ihs-klassifikation.de).
Prim
ärer
schlafgebundener Kop
fschmerz:
Kopfschmerzattacken
von dumpfer Qualität, die den Patienten immer aus dem Schlaf erwecken
(Quelle:
www.ihs-klassifikation.de).
Prim
ärer
Donnerschlagkopfschmerz:
Plötzlich auftretender Kop fschmerz stärkster Intensität,
der einem Kop
fschmerz bei Ruptur eines intrakranialen
Aneurysmas (=
krankhafte Blutgefäßwandausbuchtung im Inneren des Kopfes)
ähnelt (Quelle:
www.ihs-klassifikation.de).
Kopfschmerztherapie:
Die Schwierigkeit genereller Therapieempfehlungen liegt darin, daß
Kopfschmerzen in allen möglichen Variationen auftreten, sowohl
hinsichtlich der Intensität als auch der Periodizität
(= zeitliches Auftreten).
Die Kop
fschmerz -Charakteristika sind nicht nur von
Patient zu Patient verschieden, sondern können sich auch im Verlauf der
Erkrankung beim selben Patienten ändern, so daß dann jeweils die aktuelle
Schmerztherapie
angepaßt werden muß. Hinzu kommt, daß die verschiedensten Behandlungsmaßnahmen
sehr unterschiedlich wirken können. Was bei einem Patienten wirksam ist, muß dem
anderen noch lange nicht helfen, auch wenn scheinbar Diagnose und Symptomatik
(= Krankheitszeichen)
übereinstimmen. Letztlich gilt es also, für jeden Patienten eine optimale
individuelle Schmerztherapie zu erarbeiten, was sehr zeitaufwendig sein kann.
Medikamentöse
Kopfschmerzbehandlung:
Die Beha
ndlung der
pri
mären
(= nicht auf eine sonstige Krankheit zurückzuführenden)
Kopfschmerzen mit
Medikamenten ist und bleibt angesichts mangelnder kausaler
(= ursächlicher)
Therapiemöglichkeiten eine Notlösung, weshalb im Hinblick auf die
Nutzen-Risiko-Relation die Arzneimittelverordnung ständig überprüft und der
aktuellen Leidenssituation des Patienten angepaßt werden muß.
Genaue Kenntnisse über Nebenwirkungen und Kontraindikationen
(= Gegenanzeigen)
sind für eine optimale Beha
ndlung unabdingbare Voraussetzungen.
Grundsätzlich gilt, daß
Analgetika (=
Schmerzmittel)
möglichst nicht auf Dauer verabreicht werden sollen. Die Gefahr einer Gewöhnung
oder gar Abhängigkeit wird durch Verordnung von Kombinationspräparaten noch
gefördert. Besonders gefürchtete Beimischungen sind Barbiturate, Kodein und
Ergota
min.
Akuttherapie:
Für die Beha
ndlung
pri
märer
(= nicht auf eine sonstige
Krankheit zurückzuführende)
Kopfschmerzen haben sich folgende Analgetika
(=
Schmerzmittel) bewährt:
Acetylsalicylsäure (ASS), Paracetamol und sog. nichtsteroidale Antirheumatika wie z.B. Ibuprofen. Besonders magenschonend und auch entzündungshemmend sind
diesog. COX-2 Inhibitoren, z.B. Parecoxib oder Etoricoxib, allerdings scheint diese Stoffgruppe mit einem
Herz-/Kreislauf-Risiko verbunden zu sein, zumindest bei längerer Therapiedauer.
Es bleibt abzuwarten, ob Parecoxib und Etoricoxib nicht auch noch vom Markt
genommen werden, wie schon andere Mittel dieser Stoffgruppe zuvor.
Zusätzlich kann die Gabe eines zentralen Muskelrelaxans
(= ein Mittel zur
Muskelentspannung), z.B. Baclofen hilfreich sein. Akute
Spannungskopfschmerzen
sprechen auch auf
Ergotamingabe an. Hinsichtlich der Verordnungshäufigkeit bestehen aber die
gleichen Bedenken wie bei der
Migränebehandlung.
Bei unzureichender Wirkung von Acetylsalicylsäure oder Paracetamol kann auch
Metamizol versucht werden. Die i.v. Applikation
(= in eine Blutader
verabreicht) (langsam) führt zu einem
schnellen Wirkungseintritt. In seltenen Fällen kann allerdings die gefürchtete
Agranulozytose (=
Zerstörung bestimmter Blutzellen)
auftreten.
Alternativ kommt aus der Gruppe der zentral wirksamen
(= im Rückenmark bzw. Gehirn
wirkenden) Schmerzm
ittel bei Kopfschmerzen vom Spannun
gstyp noch Tramadol in Frage,
evtl. in Kombination mit einem peripher (= direkt im Schmerzbereich) wirkenden Schmerzm
ittel. Tilidin, selbst in Verbindung mit
Naloxon hat nach unseren Erfahrungen immer noch ein gewisses
Suchtpotential. Eine Entwöhnung bzw. eine
Entzugsbehandlung ist manchmal sehr schwierig.
Opioide oder Opiate
(= morphinähnliche
Schmerzmi
ttel) sollten eher zurückhaltend verordnet werden.
Oftmals kann mit der therapeutischen
Lokalanästhesie
(=
Behan
dlung mit
einem örtlichen
Betäubungsmittel)
in Form von
Nervenblockade
n
(= Nervenbetäubungen)
und Infiltrationen dominanter Schmerzareale prompt Schmerzfreiheit erzielt
werden. Nicht selten ist zu beobachten, daß auch bei einmaliger Anwendung die
Wirkung deutlich über die Wirkdauer des verwendeten örtlichen Betäubungsmittels
hinaus anhält.
Thera
pie subakuter oder chronische
r Kopfschmerzen:
Zur Beha
ndlung subakuter (= eher mäßiger) oder chronische
r Kopfschmerzen haben
sich verschiedene psychotrope Substanzen
(= Mittel, die auf die Psyche einwirken bzw. zu einer
Schmerzdistanzierung führen)
(z.B. Doxepin, Maprotilin) sehr bewährt. Primär kommen sie dabei wegen ihrer
schmerzdistanzierenden Wirkung zur Anwendung. Maprotilin kommt
bei uns am häufigsten zur Anwendung und ist wegen der ausgeprägten dämpfenden
Wirkung besonders für unruhige Patienten geeignet. Amitriptylin
ist stärker stimmungsaufhellend und mäßig dämpfend. Amitriptylinoxid ist eine biochemische Vorstufe des Amitriptylins und gilt als
besser verträglich. Doxepin eignet sich zur vegetativen
Harmonisierung, wirkt ausgesprochen depressionslösend und dämpfend. Diese
Substanz eignet sich auch zur Abschirmung eines Arzneimittelentzuges. Die
Dosierung erfolgt generell einschleichend.
Die genannten tri- und tetrazyklischen
Antidepressiva (=
Mittel gegen Depressionen) können
auch im Sinne einer Spannungskop
fschmerz -Prop
hylaxe (= Vor
beugung)
eingesetzt werden. Oftmals behalten wir diese Medikation nach einer
erfolgreichen Beha
ndlung für weitere 2-3 Monate bei, allerdings in reduzierter Dosierung
(z.B. nur abends).
In hartnäckigen Fällen hat sich die zusätzliche, niedrig bis mittel dosierte
Verabreichung eines
Neuroleptikum
s
(= Mittel zur
Beeinflussung der Psyche) bewährt.
Wir bevorzugen Levomepromazin in der Dosierung 3x3-15 Trpf.
Levomepromazin wirkt psychomotorisch
(= hinsichtlich Psyche und Bewegungsabläufe)
stark dämpfend, so daß es in Kombination besonders mit dem ähnlich wirkenden
Maprotilin vorsichtig dosiert werden muß.
Die Wirksamkeit von Serotonin-Antagonisten
(= Mittel, die dem
Gewebshormon Serotonin entgegenwirken)
wie Methysergid, Lisurid und Pizotifen ist bei Kopfschmerzen vom Spannun
gstyp durch Studien bisher nicht belegt.
Auch die Wirksamkeit der Beta-Blocker
(= blutdrucksenkende Mittel,
aber auch nachgewiesen hilfreich bei
M
igräne) wie z.B. Propanolol und Metoprolol ist bei
Kopfschmerzen vom Spannun
gstyp wissenschaftlich bisher nicht
eindeutig nachgewiesen, sie können dennoch versucht werden.
Besonders bei Vorliegen einer "migränoiden" Begleitsymptomatik
(= z.B. Übelkeit, Licht- und
Lärmempfindlichkeit) ist als letzter
Therapieversuch auch der Einsatz von Triptane denkbar.
Zur
Schmerztherapie der
Occipitalneuralgie eignen sich Antikonvulsiva
(= Mittel gegen die Fallsucht)
so z.B. Carbamazepin. Oft besser wirksam sind aus dieser Gruppe Gabapentin oder Pregabalin.
Das Mittel der Wahl bei Hemicrania-continua
(= anhaltende Halbseitenkopfschmerzen)
und bei der paroxysmalen
Hemikranie ist
Indometacin.
Therapeutische Lokalanästhesie bei chronische
n Kopfschmerzen:
Eine
Schmerztherapie mit
lang wirkenden
Lokalanästhetika
(=
örtliche Betäubungsmittel)
Bupivacain, Etidocain) hat sich in der Beha
ndlung
pri
märer
(= nicht auf eine sonstige Krankheit zurückzuführende)
Kopfschmerzen sowohl bei akuten als auch bei subakuten oder
chronische
n Schmerzzuständen bei uns bewährt (Leser et Hefermann,
Schmerzkl
inik Bad Mergen
theim 1990). Dabei werden
(stationär 1 bis 2 mal täglich) alle Ner
ven, die an der sensiblen Versorgung des
Schmerzbereichs beteiligt sind, an ihrem Austrittspunkt mit 1-2 ml blockiert.
Zusätzlich werden, falls betroffen, die Aurikulotemporalis- Region
(= Schläfengegend) und
korrespondierende Triggerpunkte
(= Schmerzreizpunkte) infiltriert. Von besonderer Bedeutung sind die myofaszialen
(= von Mus
keln und deren
Gewebsumhüllung ausgehende)
Triggerpunkte.
Bei hinterkopfbetonten Schmerzbildern, auch mit mehr oder weniger deutlicher
Beteiligung der Halswir
belsäule, führen wir in gleicher Sitzung
tiefe Infiltrationen der angrenzenden Mus
kulatur mit insgesamt etwa 4- 6 ml
durch.
Bei chronische
n, halbseitigen Kopfschmerzen vom Spannun
gstyp ist auch die wiederholte Betäubung
des
Ganglion stellatum
(= vegetative Schaltstelle im
seitlichen Halsbereich) mit einem
lang wirkenden
Lokalanästhetikum
(=
örtliches Betäubungsmittel)
hilfreich. Im chronische
n Stadium, aber auch bei
episodenhaften (= von
Zeit zu Zeit auftretenden)
Kopfschmerzen vom Spannun
gstyp, wenn die schmerzfreien Intervalle
nicht zu lange anhalten (z.B. nicht mehr als 1 Woche), ist diese Schmerztherapie
um so wirkungsvoller, je häufiger sie angewendet wird. Als optimal erwiesen sich
zwei Sitzungen pro Tag über einen Zeitraum von ca. 10-20 Tagen, was in der Regel
allerdings organisatorisch meist nur stationär möglich ist. Nicht selten kann
eine anhaltende deutliche Schmerzlinderung, oft auch Schmerzfreiheit, manchmal
sogar schon nach wenigen Sitzungen erreicht werden. Unter einer solchen
intensiven therapeutischen Lokalanästhesie kann in der Regel auch ein
Schmerzmittelentzug erfolgreich durchgeführt werden, sofern
das Abusus- (=
Mißbrauch-) oder
Abhängigkeitsverhalten tatsächlich auf eine Schmerzbelastung und nicht etwa auf
ein psychisches Suchtpotential zurückzuführen ist.
Nichtmedikamentöse Beha
ndlung chronische
r Kopfschmerzen:
Wie bei der Migränebehandlung werden die folgenden Methoden vorwiegend ergänzend
eingesetzt, teilweise sind sie aber auch unverzichtbare Bestandteile der
Gesamttherapie.
Bei der Punkteauswahl zur
Akupunktur dominiert das Lenkergefäß, ein Meridian, der hinter dem Af
ter beginnt und sich über die Spitze der
Dornfortsätze der Wir
belsäule, über die Schädelmitte bis zur
Oberlippe erstreckt. Empfohlen werden hauptsächlich die Punkte 19, 23 und 25;
zusätzlich Punkte des Gallenblasen-Meridians im Kopfbereich, so z.B. 3 und 20 (Kossmann
et al. 1986).
Auch die transkutane Nervenstimulation mittels Niederfrequenzgenerator über
Klebeelektroden (TENS) hat sich bei Kopfschmerzen bewährt. Mit
dieser Methode lassen sich häufig Schmerzm
ittel einsparen, oftmals kann auf
zusätzliche Schmerzmitteleinnahme sogar verzichtet werden.
Wenn Kopfschmerzen mit Störungen im Bereich der Halswir
belsäule einhergehen, ist in der Regel
die Verordnung von physikalischen Therapiemaßnahmen (Fango, Wärmeapplikationen
usw.) sowie
Krankengymnastik hilfreich. Besonders zu empfehlen sind
Autoelongationsübungen. Manchmal kann auch durch eine manuelle Lymphdrainage im
Kop
f-/Halsbereich eine deutliche Verbesserung
erzielt werden.
Bewährt hat sich auch die wiederholte oberflächliche Kältebehandlung im Nack
en-/HWS-Bereich, evtl. auch unter
Einschluß der angrenzenden Schultermuskulatur. Im Rahmen einer Kurmaßnahme ist
bei Kopfschmerzen auch eine Hydrotherapie in Form von
Wechselbädern und / oder Kneippschen Güssen empfehlenswert. Auch
Biofeedback (=
Registrierung und Rückmeldung bioelektrischer Signale)
kann hilfreich sein.
Auch bei chronische
n Kopfschmerzen hat sich
die Vermittlung von Entspannungstechniken (Progressive Relaxation nach Jacobson,
Autogenes Training) sehr bewährt. Bei streßinduzierten Kopfschmerzen
ist Streß- und
Schmerzbewältigungstraining hilfreich.
2. Sekundäre Kopfschmerzen (symptomatische Kopfschmerzen):
Dieser Begriff bezeichnet Kopfschmerzen, die als Symptom auf eine faßbare organische oder psychische Ursache zurückzuführen sind. Die schematische Gliederung der möglichen Ursachen orientiert sich der besseren Übersicht wegen im folgenden am Symptom "Kopfschmerzen".
2.1. (Chronische) Kop
fschmerzen als (zunächst) einziges Symptom:
Diese Gruppe umfaßt mögliche Ursachen, bei denen typischerweise
Kop
fschmerzen überhaupt oder zunächst als einziges Krankheitszeichen auftreten.
Differentialdiagnostisch (= zur Abgrenzung gegenüber anderen Erkrankungen)
wichtig innerhalb dieser Gruppe: "Ps
ychogene" Kop fschmerzen.
Nach Soyka (1989) gibt es kein spezifisch psychogenes
(= rein psychisch bedingtes) Kop
fschmerz-Syndrom. Das "Ad-Hoc-Commitee"
definierte die "psychogenen" Kopfschmerzen als halluzinatorische Sinnestäuschung
oder Ausdruck einer Konversionsneurose ohne peripheren Schmerzmechanismus. Die
Kritik an dieser Definition setzt bei letztgenanntem Kriterium ein, gibt es doch
pri
märe Kopfschmerzen,
bei denen auch kein peripherer Schmerzmechanismus bekannt ist. Insgesamt gesehen
dürften rein psychogen verursachte Kopfschmerzen relativ selten
sein, wenngleich wir ihn in der Klinik recht häufig sehen (ca. 3-4% aller
Patienten mit chronische
n Kopfschmerzen).
Dies ist jedoch darauf zurückzuführen, daß sich in einer
Schmerzklinik
naturgemäß Patienten mit therapieresistenten
Kopfschmerzen häufen.
2.2. Kopfschmerzen als
Begleitsymptom (=
zusätzlich auftretendes Krankheitszeichen):
Neben Kopfschmerzen sind
in der Regel weitere Symptome für die exakte Diagnose richtungsweisend. Die
Kenntnis der möglichen Krankheitsbilder ist allerdings wichtig, da manchmal auch
in untypischer Weise Kopfschmerzen
als zunächst einziges Symptom auftreten können. Außerdem gilt es, andere
Begleitsymptome nicht zu übersehen.
2.2.1
Arteriitis temporalis (= En
tzündung der Schläfenschlagader)
(auch als
Arteriitis cranialis
oder
Arteriitis granulomatosa
bezeichnet): Ursache ist die
Riesenzellenarteriitis
(Riesenzellarteriitis),
die vorwiegend neben der A. temporal
is
(= Schlagader an der Schlä
fe)
auch die A. carotis externa
(= äußere Halsschlagader) und die A.
centralis retinae (=
Schlagader im Auge) befallen kann.
Die anhaltend bohrende, in ihrer Intensität wechselnde Kopfschmerzen,
hauptsächlich im Schläfenbereich, treten meist im Rahmen eines allgemeinen
Krankheitsgefühls auf. Häufig bestehen auch
Muskelschmerzen und
Gelenkschmerzen.
Bei Befall der Kaumus
kulatur tritt die typische
Claudicatio
masticatoria (=
Kaumuskelschwäche) auf. Die
Blutsenkung ist regelmäßig stark erhöht.
Schon der Verdacht auf eine Arteriit
is temporal
is zwingt wegen der Gefahr der Erblindung
(Befall der A. centralis retinae) zur sofortigen Kortisonbehandlung. Der
Nachweis der Krankheit erfolgt histologisch
(= durch Gewebeuntersuchungen).
2.2.2 Folgende internistische Krankheiten können, wenn auch relativ selten, mit Kopfschmerzen einhergehen: Schilddrüsenüberfunktion, Nebenniereninsuffizienz, Hypoglykämie, Hyperparathyreoidismus, Hypophysenadenom, Anämie (= Blutarmut), Panzytopathien, Leukämien, Angina pectoris, Aorteninsuffizienz.
2.2.3 Exogene Intoxikationen
(= durch äußere
Ursache entstandene Vergiftungen) (Soyka
1980):
Eine Vielzahl von Noxen
(= schädliche Substanzen)
können Kopfschmerzen auslösen. Manche Autoren (z.B. Bing
1948) bezeichnen dieses Schmerzbild als
vasomotorische Kopfschmerzen
(= von den Blutgefäßen ausgehende Kopfschmerzen).
Die Schmerzsensationen nehmen meist innerhalb von Stunden zu, der
Schmerzcharakter wird oft als dumpf, bohrend und pulsierend angegeben. Häufige
Lokalisation: hinter den Augen, an St
irn, Sch
läfen und ringförmig um den ganzen Schädel. Die Schmerzdauer hängt von
der Dauer der Exposition
(= Zeitdauer der Gifteinwirkung) ab.
Häufig liegt auch eine Mitbeteiligung des autonomen
(= unwillkürlichen)
Nervensystems in Form von Herzsensationen, Hyperhidrosis
(= starkes Schwitzen)
oder Schwindelgefühl vor. Die Vorgeschichte zeigt häufige Wiederholung des
Beschwerdebildes.
Medikamente:
Bei dieser Gruppe treten Kop
fschmerzen als Begleitsymptom oft schon in therapeutischer Dosierung auf, so daß
man dann allenfalls von einer relativen Intoxikation
(= Vergiftung) sprechen kann.
Folgende Wirkstoffe sind besonders zu erwähnen: Tetrazykline, Nitroglyzerin,
Nalidixinsäure und Indometazin. Nicht selten klagen Frauen über
Kopfschmerzen bei gleichzeitiger Kontrazeptiva- Medikation
(= Antibabypille). Vitamin A
-Überdosierung, oft als Folge einer Selbstbehandlung, ist ebenfalls zu
erwähnen.
Auch Sch
merzmittelmißbrauch kann auf Dauer zu
Kop
fschmerzen
(Schmerzmittel-Kopfschmerzen,
auch als
Analgetika-Kopfschmerzen
bezeichnet) führen. Häufig werden sogenannte "rezeptfreie" Schmerzm
ittel im Rahmen einer Selbstbehandlung
bevorzugt. Verstärkend wirken
Tranquilizer (=
Mittel zur Beruhigung) oder
barbiturathaltige Arzneimittel.
Die sog. kritische kumulative Wochendosis (= Menge die sich in einer Woche anhäuft),
bei deren Überschreiten die Ausbildung eines durch Medikamente hervorgerufenen
Kopfschmerzes droht, beträgt für Koffein 340 mg, Barbiturate 210 mg, Paracetamol
1875 mg, Pyrazolonderivate 1025 mg, Codein 60 mg und für ASS
(= bekannt als Aspirin) 1750 mg (Diener
1993). Es ist zu bedenken, daß sich hinter der Diagnose "Schmerzmittekopfschmerz"
auch eine
Migräne,
Kopfschmerzen vom Spannungstyp oder sogar
Kombinationskopfschmerzen
verbergen können.
Der
Entzug von Schmerzmittel
verursacht häufig die typischen
Entzugskopfschmerzen,
die etwa zwischen 3 und 10 Tagen anhalten. Meist bestehen vegetative
Begleitsymptome wie Schwindel, Übelkeit, Schlaflosigkeit, aber auch innere
Unruhe. Auffallend ist, daß Schmerzm
ittel-Kopfschmerzen ungleich häufiger bei Patienten auftreten, bei denen
die ursprüngliche Schmerzquelle, wegen der Schmerzm
ittel überhaupt eingenommen wurden,
ebenfalls Kop
fschmerzen
sind. Diese Beobachtung läßt vermuten, daß Patienten mit chronische
n Kopfschmerzen hinsichtlich der
Ausbildung eines Schmerzm
ittel-Kopfschmerzes deutlich empfindlicher reagieren als Patienten, die
wegen anderer, nicht im Kop
f lokalisierter, chronische
r
Schmerzsyndrome
einen
Schmerzmittelabusus betreiben.
Ähnliches gilt auch für die Analget
ikaen
tzugs
kopfschmerzen. Diese sehen wir hauptsächlich bei Patienten mit
vorbestehenden, chronische
n Kopfschmerzen.
Ergota min-Mißbrauch führt ebenfalls
zu
Dauerkopfschmerzen,
die sich bei Migränikern dem ursprünglichen Schmerzbild aufpfropft, wodurch Komb
inationskop
fschmerzen entstehen. Die sog. kritische
kumulative Wochendosis
(= Menge die sich in einer Woche anhäuft)
liegt für Ergotamintartrat bei 5 mg und für Dihydroergotamin bei 7 mg (Diener
1994). Der
Entzug von Ergotam
in verursacht analog zum
Schmerzmittelentzug ebenfalls Beschwerden, vor allem aber
treten in dieser Phase heftigste
Migräneattacken
gehäuft auf.
2.2.4 Chronische,
posttraumatische Kopfschmerzen:
Ein sogenannter posttrau
matischer
Kop
fschmerz kann prinzipiell
nach jeder Verletzung im Kop
f-/Nackenbereich auftreten. Weder die Art
der Verletzung noch das Ausmaß der Gewebsdestruktionen korrelieren mit der
Intensität und der Dauer dieser Kopfschmerzen. So kann ein
vergleichsweise harmloses
Schleudertrauma (Beschleunigungstrauma,
Peitschenschlagsyndrom)
ohne objektivierbare krankhafte Veränderung zu heftigsten Kop
fschmerzen führen, während Patienten mit einem ausgedehnten Schädelbasisbruch nach
Ausheilung völlig kopfschmerzfrei sein können. Hinsichtlich Intensität,
Periodizität (=
zeitliches Auftreten) und
Lokalisation (= Ort
an dem die Schmerzen empfunden werden)
gibt es ebenfalls keine Gesetzmäßigkeiten.
Die posttraumatischen
Kop
fschmerzen
können sowohl als Kopfschmerzen vom Spannungstyp als auch als
Migränekopfschmerzen
oder gemischt, im Bereich der St
irn und/ oder am Hinterkop
f betont, auftreten. Häufiger sehen wir
Patienten, die typische Symptome eines Kopfschmerzes vom Spannun
gstyp angeben, der aber während einer
örtlichen Betäubung der den Schädel versorgenden Ner
ven nicht wegbleibt. In diesen Fällen muß
angenommen werden, daß die Störung von den Hirnhäuten ausgeht, da das Hirngewebe
ja schmerzunempfindlich ist. Besonders ein längerer, verletzungsbedingter
Leidensweg kann die Ausbildung einer psychischen Überlagerung (Hypochondrie,
Neurotizismen) begünstigen.
Eine erwähnenswerte Besonderheit der posttraumatischen Kopfschmerzen ist die
dysautonome
Kephalgie. Einseitige, attackenartige Schmerzsensationen mit
vegetativer Beteiligung, teilweise auch Mydriasis
(= weite Pupille) und
Sehstörungen, kennzeichnen dieses Schmerzbild.
Thera
pie der
seku
ndären (= auf eine
Grundkrankheit zurückzuführenden)
Kop
fschmerzen:
Grundsätzlich gilt es, die herausgefundene Schmerzursache ursächlich zu
behandeln bzw. zugrundeliegende Noxen
(= schädliche Stoffe) wegzulassen. Intermittierend
(= zeitweilig),
bis z.B. eine kausale
(= gegen die Ursache
gerichtete) Thera
pie wirksam wird, können Schmerzm
ittel verabreicht werden.
Kann die ursächliche Krankheit nicht oder nicht mehr erfolgreich therapiert
werden (z.B. fortgeschrittener Hirntumor), können Behandlungsmaßnahmen wie bei
pri
mären Nicht-M
igräne- oder
Bing-Horton-Kopfschmerzen
versucht werden.
Die Thera
pie bei der
Arteriitis temporalis
(= En
tzündung der
Schläfenschlagader) besteht in
sofortiger Verabreichung von Kortikosteroiden. Als Einstiegsdosis werden 100mg
Prednisolon täglich empfohlen, jeweils nach 5 Tagen wird dann um 10 mg
reduziert. Der therapeutische Fortschritt kann an der Blutsenkung ersehen
werden.
Wenn ein Schmerzm
ittelmißbrauch tatsächlich auf ein
chronifiziertes
Schmerzsyndrom und
nicht etwa auf ein eigendynamisches Suchtpotential zurückzuführen ist, besteht
die Thera
pie der daraus resultierenden
Schmerzmittel-Kopfschmerzen
in sofortigem Absetzen des Schmerzmittels und nicht etwa in ausschleichender
Dosisreduzierung. Da mit dieser Maßnahme ja die Schmerzquelle, wegen der die
Schmerzm
ittel überhaupt eingenommen wurden, nicht
ausgeschaltet wird, muß die Beha
ndlung derselben mit anderen Mitteln
fortgesetzt werden, denn es macht ja wenig Sinn, in dieser Situation wieder auf
(andere) Schmerzm
ittel zurückzugreifen. Als alternative
Schmerztherapie eignet sich in besonderem Maße die wiederholte Verabreichung
eines lang wirkenden örtlichen
Betäubungsmittel s (z.B.
Bupivacain) in Form der therapeutischen Lokalanästhesie. Parallel zum En
tzug verordnen wir zur Abschirmung
möglicherweise auftretender vegetativer Entzugserscheinungen Trimipramin, initial
(= zu Beginn) i.v.
(= in die Blutader).
Nicht selten besteht gleichzeitig auch ein Benzodiazepin-M
ißbrauch. Eine diesbezügliche
Entzugssymptomatik kann mit Carbamazepin oder Valproinsäure behandelt werden (Apelt
et al. 1992).
Die
Entzugsbehandlung
bei
Schmerzmittelabusus
erfordert intensive ärztliche Interventionen, was in der Regel nur im Rahmen
einer stationären Beha
ndlung durchführbar ist (Schmerzklinik).
"Psychogene"
(= psychisch verursachte)
Kopfschmerzen sollten stationär psychosomatisch orientiert behandelt
werden. Da die betroffenen Patienten fast regelmäßig auf einer körperlichen
Ursache ihrer Schmerzen "bestehen", ist es nicht sinnvoll, sofort in die
Psychotherapie einzusteigen, man riskiert damit nur, daß der Patient die Beha
ndlung abbricht. Indem wir mit einer
täglichen therapeutischen Lokalanästhesie im Kopfbereich beginnen, geben wir dem
Patienten das Gefühl, daß auch wir an die körperliche Entstehung seiner
Schmerzen glauben. Gleichzeitig aber bestehen wir darauf, daß der Patient an
Einzelentspannungsübungen wie z.B. autogenem Training teilnimmt, was meist auch
eingesehen und toleriert wird. Der Psychotherapeut, der auch das autogene
Training durchführt, erhält so die Gelegenheit, die Patienten kennenzulernen und
Vertrauen zu bilden, um auf dieser Basis allmählich in
psychologische / psychotherapeutische Interventionen einsteigen zu können.
Hilfreich ist auch eine 3-4 tägige psychovegetative Entspannung durch eine
sogenannte "Schlafkur". Zur wiederholten Schlafinduktion verwenden wir 1-2 mg
Flunitrazepam, zusätzlich geben wir 1-2 mal täglich 40 mg Prothipendyl. Eine weitere Interventionsmöglichkeit bietet
die Verabreichung psychotroper schmerzdistanzierender Substanzen
(= Mittel zur Behandlun
g der Psyche, aber auch
bei Kopfschmerzen hilfreich).
3. (Chronische) Kombinationskopfschmerzen:
In der Klinik sehen wir den Kombinationskopfschmerz immer häufiger, wobei eindeutig die Kombination eines pri mären (= als eigenständiges Krankheitsbild auftretenden) (hauptsächlich Migräne) mit seku ndären (= als Folge einer Erkrankung oder "Vergiftung" auftretenden) (hauptsächlich Schmerzm i ttel-) Kopfschmerzen dominiert. Bei Beteiligung eines Schmerzm ittel- Kopfschmerzes kann oftmals die Ursprungskomponente erst nach einer Entzugsbehandlung diagnostiziert werden, weil erst dann die ursprüngliche spezifische Symptomatik wieder in den Vordergrund rückt. Kombinationskop fschmerzen treten fast immer in Form von Dauerkopfschmerzen auf.
Die Kombinationen
1. Migräne und Kopfschmerzen vom Spannungstyp, wobei die einzelnen Komponenten entweder gemeinsam oder zeitlich voneinander getrennt auftreten können. Da die Einzelsymptome fließend ineinander übergehen können, lassen sich nicht in jedem Falle die Einzelkomponenten trennen. Häufig kommen die Patienten mit der Hilfsdiagnose "migränoide Kephalgie" (= migräneartige Kopfschmerzen).
2. M igräne und Schmerzm ittel-/Ergotamin-Kopfschmerzen. Bei dieser Kombination dominiert als zweite Komponente aufgrund eines Ergota min- oder Schmerzmittelabusus (= mißbräuchliche Anwendung von Ergo tamin) ein vasomotorischer (= von Blutgefäßen ausgehender) Schmerztyp, also dumpf und pulsierend. Ein unflankierter Entzug des Ergotamins (= in dem als alleinige Maßnahme das Ergo tamin weggelassen wird) führt häufig zu statusartigen (= anhaltenden) Migräneanfälle n.
3. Spannun gs- und Schmerzmittel-Kopfschmerzen. Anamnestisch trat der ursprüngliche Kop fschmerz vom Spannungstyp früher sehr häufig, oft täglich auf und zwang so zu häufiger Schmerzmitteleinnahme, wodurch sich schleichend zusätzlich Schmerzmittelkopfschmerzen ausbildeten. Aktuell geben die Patienten meist einen Dauerkopfschmerz mit wechselnder Intensität an.
4. Andere Kombinationen sind möglich, jedoch seltener, so z.B. vertebragene Kopfschmerzen (= von der Halswir belsäule ausgehende) und Schmerzmittelkopfschmerzen.
Thera pie des Kombinationskop fschmerzes:
1. Zur Beha ndlung der Kombination von M igräne und Kopfschmerzen vom Spannun gstyp gilt als Mittel der Wahl die parallele Medikation mit einem Beta-Blocker (= eigentlich ein Blutdruckmittel, wirkt aber auch gegen M igräne) und einem Antidepressivum (= Mittel gegen Depression, aber auch bei Schmerzen hilfreich). Wir bevorzugen Propanolol, 160-240 mg/d und Maprotilin, bis 150 mg/d. Für die akute und subakute Beha ndlung hat sich die therapeutische Lokalanästhesie (= Behan dlung mit einem örtlichen Betäubungsmittel) im Kopf bereich bewährt. Je nach aktueller Schmerzsituation können auch Schmerzmittel verabreicht werden.
2. Bei allen Kombinationen, die mit einem
Schmerzm
ittel- oder
Ergotaminabusus
(= mißbräuchliche
Anwendung von
Schmerzmi
ttel
bzw. Ergo
tamin)
einhergehen, wie die Kombinationen M
igräne und Schmerzm
ittel- oder Ergota
minkopfschmerzen, steht zunächst die
Entzugsbehandlung
im Vordergrund. Wegen des gefürchteten
Entzugskopfschmerz
es sollte die Beha
ndlung stationär in einer
Schmerzklinik
erfolgen.
Nach unserer Erfahrung läßt sich ein
Entzug besonders
erfolgreich mit
Trimipramin (= ein Mittel primär
zur Behandlun
g der Psyche, wirkt aber auch schmerzlindernd)
bewerkstelligen. Die sonst ca. 3-10 Tage anhaltenden
Entzugskopfschmerzen
sprechen in der Regel zuverlässig auf die wiederholte (1 bis 2 mal tägliche)
therapeutische Lokalanästhesie im Kopfbereich an.
Die
Schmerztherapie mit
einem örtlichen Betäubungsmittel ist in dieser Situation die optimale Lösung, da
es wenig sinnvoll ist, den Entzugskop
fschmerz wieder mit (anderen) Schmerzmitteln behandeln zu wollen. Da die
therapeutische Lokalanästhesie
auch zur prophylaktischen
(= vorbeugenden)
Migränetherapie
geeignet ist, tritt die ursprüngliche M
igräne nach einem erfolgreichen En
tzug oft nur noch in abgeschwächter Form auf.
Bei nicht ausreichender Wirkung kann immer noch zusätzlich ein Betablocker
(= Blutdruckmittel,
das auch bei M
igräne
hilft) (z.B. Propanolol) oder ein
Serotonin-Antagonist
(= ein dem Gewebshormon Serotonin entgegenwirkendes Mittel)
verabreicht werden.
3. Die Beha
ndlung der Kombination Spannun
gs- und Schmerzm
ittelkopfschmerzen erfolgt analog zu 2. Zunächst beginnt man wieder die
En
tzugsbehandlung mit Trimipramin
unter dem Schutz einer wiederholten therapeutischen Lokalanästhesie
(= Behandlun
g mit einem örtlichen
Betäubungsmittel). Im Zuge einer
stationären
Schmerztherapie
führen wir diese dann 2x täglich noch ca. 10-14 Tage konsequent weiter.
Zur
Schmerzprophylaxe
(=
Schmerzvorbeugung)
der
Spannungskopfschmerzen
ist die Einleitung einer schmerzdistanzierenden psychotropen Medikation
(= Mittel zur
Behandlun
g der Psyche, wirkt aber auch
gegen Schmerzen) sinnvoll. Dazu
tauschen wir dann später Trimipramin gegen Maprotilin oder Doxepin aus.
4. Vom Prinzip her gelten die beschriebenen
Therapiemaßnahmen auch für andere Kombinationen. Ist eine Komponente ein
Schmerzm
ittelkop
fschmerz, so erfolgt immer zunächst der
En
tzug, danach wird das ursprüngliche
Kopfschmerzsyndrom
behandelt. In der Praxis ist es allerdings oft nicht einfach, einen
Kombinationskop
fschmerz zu erkennen, besonders wenn eine
langjährige chronische Verlaufsform vorliegt.
Auch wenn wir nicht sicher sind, daß Schmerzm
ittel- (oder Ergota
min-) Kopfschmerzen vorliegt, dies aber
aufgrund des aktuellen Medikamentenverbrauchs theoretisch möglich erscheint,
führen wir die beschriebene
Entzugsbehandlung
durch, wobei wir die gewohnte, bisherige Schmerzmittelmedikation sofort
absetzen. Nicht selten bleiben Kopfschmerzen nach dieser Beha
ndlung völlig weg, so daß dann nicht
einmal mehr im nachhinein eine differenzierte Diagnose gestellt werden kann.
Therapeutische Lokalanästhesie
(=
Behan
dlung mit
einem örtlichen
Betäubungsmittel)
im Bereich des Kopfes zur
Entzugsbehandlung:
Blockade aller
Nerven,
die an der sensiblen Innervation
(= Versorgung) des Schmerzbereichs
beteiligt sind (infrage kommen die Ner
ven supraorbitales, occipitales majores et minores), mit 1-2 ml z.B.
Bupivacain 0,25-0,5% an ihren Austrittspunkten, 1 bis 2 mal täglich. Zusätzlich
werden, falls betroffen, die Aurikulotemporalis-Region
(=
Schläfenbereich) und korrespondierende Triggerpunkte
(= Schmerzreizpunkte)
infiltriert. Von besonderer Bedeutung sind die myofaszialen
(=
Muskeln und deren
Gewebsumhüllung betreffende)
Triggerpunkte.
Bei hinterkopfbetonten
Kop
fschmerzen,
auch mit mehr oder weniger deutlicher Beteiligung der
Halswirbelsäule,
unabhängig davon wie die Kop
fschmerzen nach den oben genannten Kriterien klassifiziert wurde, führen wir in
gleicher Sitzung tiefe Infiltrationen der paravertebralen
(= an die
Wirbelsäule
angrenzenden)
Muskulatur
mit insgesamt etwa 4- 6 ml durch.
Grundsätzlich sind auch bei den verschiedenen Kom binations kopfschmerzen nichtmedikamentöse Therapieverfahren sinnvoll, so z.B. die transkutane (= über die Haut verabreichte) elektrische Nervenstimulation mittels Klebeelektroden und Biofeedback (= Registrierung und Rückmeldung bioelektrischer Signale), insbesondere aber auch psychologische Interventionen (z.B. Erlernen von Entspannungstechniken, Schmerzbewältigung bzw. Schmerzbewältigungstraining).
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